Das schlechte Image der Sommer-OP ist ein Mythos

Ein Gespräch mit PD Dr. med. Jens Anders, Chefarzt der Klinik für Orthopädie in der Nürnberger  Erler-Klinik, über schmerzgeplagte Urlaube, natürliche Immunbooster und die beste Jahreszeit für geplante Operationen.

Sie stehen seit vielen Jahren als Chefarzt der Klinik für Orthopädie der DR. ERLER KLINIKEN vor, die ein Maximalversorger in der Endoprothetik ist. Wie viele Knie- und Hüft-TEPS machen Sie und Ihr Team jährlich?

Wir sind hier in der Region diejenigen, die mit Abstand am meisten Endoprothesen einsetzen. Im Jahr 2025 haben wir insgesamt 2560 Endoprothesen operiert – also Knie- und Hüft-TEP‘s sowie Schulter-Endoprothesen. Die Schulter-Endoprothetik wird etwas unterschätzt, weil sie seltener nötig wird. Mein Team operiert im Jahr über 100 Schulter-Prothesen und liegt damit auch weit vorne bei den Mengen.

 

Es handelt sich in der Endoprothetik ja meist um elektive, also geplante Operationen. Wie lange ist der durchschnittliche Vorlauf von der ersten Kontaktaufnahme in der Erler-Klinik bis zum OP-Termin?

Es ist notwendig, dass die Patienten zur Erstvorstellung kommen, um die vom niedergelassenen Arzt gestellte medizinische Indikation zu überprüfen. Dies geschieht in unserer „Indikationssprechstunde“. Wenn dort die Diagnose bestätigt wird, dauert es in der Regel 8 bis 12 Wochen bis zum Operationstermin. Dies ist ein Durchschnittswert. Die Zeitspanne kann auch kürzer oder länger sein, weil wir zum einen Wartelisten haben für Patienten, die zeitlich flexibel sind und weil wir bei den Patienten jahreszeitlich bestimmte Vorlieben bemerken.

Heißt das, dass die Wartezeiten auf einen OP im November länger sind als auf einen Termin im Juli? Welche Monate und Jahreszeiten bevorzugen die Patienten für ihre geplante OP?

Tatsächlich bekommen wir von den Patienten die meisten OP-Termin-Wünsche für den Spätherbst oder das Frühjahr. Dies scheint damit zusammenzuhängen, dass die Patienten das Gefühl haben, dass sie etwas verpassen, wenn sie sich im Sommer operieren lassen. Sie wollen den Sommer noch „genießen“, bevor sie sich unters Messer legen. Oder eben bereits im Sommer alles überstanden haben, weswegen sie das Frühjahr als OP-Termin bevorzugen.

 

Gibt es auch gesundheitliche Gründe, die Patienten für eine OP in Herbst oder Frühling anführen?

Manche argumentieren mit der geringeren Schwellung in der ersten Post-OP-Phase im kalten Halbjahr, andere fürchten eine Infektion während der Operation in den Sommermonaten wegen der vermeintlich größeren Hitze in den OP-Sälen. Diese Befürchtung kann ich aber ausräumen: Im OP herrschen das gesamte Jahr über die absolut selben optimalen Temperaturen. Das schlechte Image der Sommer-OP ist ein Mythos.

 
Trotzdem, auf den ersten Blick klingt das doch einleuchtend: In den Wintermonaten ist es kalt, was gut gegen die Schwellung ist. Außerdem bewegt man sich in der kalten Jahreszeit eh weniger und kann wunderbar sein Bein schonen…

Das ist genau der Trugschluss, dem viele Patienten unterliegen. Nämlich, dass im Herbst das Gelenk besser heilt. Das ist schlichtweg nicht wahr, es heilt im Sommer ganz genauso. Schwellungsvor-beugung machen wir mit entsprechenden Kompressionsstrümpfen sowie physikalischen und medikamentösen Therapien. Im Winter ist in der Post-OP-Phase das Gehen und Laufen draußen viel schwieriger möglich und die Patienten neigen dazu, zuhause zu bleiben. Wenn die normale Anschlussheilbehandlung abgeschlossen ist, fallen sie dann häufig in ein Loch. Nach der Reha ist man eben noch lange nicht durch mit dem Genesungsprozess. Die individuelle Reha beginnt nach der Anschlussheilbehandlung. Und dann müssen die Patienten möglichst viel rausgehen, weil gerade das Gehen auf verschiedenen Oberflächen ein wesentliche Erfolgsfaktor ist. Auf Asphalt, Kopfsteinpflaster, Rasen, berghoch, Berg runter, Treppen steigen – all das kann man im Herbst und Winter eigentlich eher schlecht realisieren, weil Wetterverhältnisse wie Regen, Schnee oder Glatteis dabei zu herausfordernd sind.

 

Früher war man nach solch einer Operation ja tatsächlich erst einmal immobil.

Hier hat medizinisch ein großes Umsteuern stattgefunden. Heute ist der wichtigste Faktor bei einer planbaren Endoprothesen-Operation, dass die Mobilisationsmaßnahmen sofort einsetzen. Ab Tag 1 darf man voll belasten, normal laufen und abrollen, ohne Einschränkungen. Das ist ein fundamental gegensätzlicher Ansatz verglichen mit früher. Früher hat man 14 Tage im Krankenhaus verbracht, man musste ein Vierteljahr mit Gehunterarmstützen hantieren und war recht immobil. Deswegen plädiere ich heute dafür, dass man sich so operieren lässt, dass die Möglichkeiten zur frühen Mobilisierung aufgrund von Außentemperaturen und Wetter vorhanden sind.

Dann spricht ja nur nichts dagegen, sondern sogar einiges dafür, dass Patienten sich in der warmen Jahreszeit geplant operieren lassen – und trotzdem nicht auf den Sommerurlaub verzichten.

Genau. Denn häufig passiert das Gegenteil: Patienten schleppen sich schmerzgeplagt noch durch den Sommerurlaub, um sich im Herbst operieren zu lassen. Sie bewegen sich schlecht, weil sie krank sind, nehmen Tabletten ein, die wiederum Nebenwirkungen haben können, zum Beispiel auf den Magen schlagen.

Besonders dann, wenn man aufgrund eines fortgeschrittenen Knie- oder Hüftverschleißes regelmäßig Medikamente gegen den Schmerz nimmt, würde ich die OP vor dem Sommerurlaub empfehlen, allein, um die Nebenwirkungsrisiken überschaubar zu halten.

Im Übrigen ist die Gesamtdauer des Heilungsprozesses nicht so lang, wie viele Patienten denken: Man ist 4 bis 7 Tage im Krankenhaus, danach im Schnitt eine Woche zuhause, 3 Wochen bei der Reha und dann eigentlich wieder einsatzfähig. Anschließend heißt es: Gehen, gehen, gehen.

 

Welche Vorteile haben Operationen im Sommer darüber hinaus?

Es klingt banal, ist aber nicht zu unterschätzen: In den Sommermonaten geht es uns allen einfach insgesamt besser. Der Serotonin-Spiegel hängt ab vom Lichteinfluss und ist höher, Vitamin D stärkt die Knochen und sorgt für eine bessere Abwehrlage des Körpers. Dazu kommt noch, dass die Möglichkeit eines grippalen Infekts oder einer respiratorischen Erkrankung während der Genesungsphase im Sommer geringer ist.

Mal ganz unabhängig von der Jahreszeit: Was sollten Patienten bei ihrer planbaren OP bedenken?

Prinzipiell hat sich das Regime in der Endoprothetik komplett geändert. Erstens sollte man bereits vor der OP-Übungen durchführen, um die Muskulatur zu verbessern: Wer möglichst fit in die OP geht, kommt hinterher fitter wieder raus; dazu gibt es ganz klare Studienergebnisse. Und das zweite ist, dass die Patienten vor der OP keine Angst aufbauen. Das Risiko einer solchen OP mit kurzer OP-Zeit und schonenden Anästhesieverfahren ist wirklich überschaubar.

Und: Eine OP sollte keine Lifestyle-Entscheidung sein, die dort hinein geplant wird, wo sie am wenigsten stört: Für die Implantation von Knie- oder Hüft-TEPs gibt es medizinisch einen optimalen Zeitpunkt, den man gemeinsam mit dem Operateur bestimmen sollte – ganz unabhängig von der Jahreszeit. Wie hoch ist mein Schmerzlevel? Nehme ich zu lange zu hoch dosierte Medikamente, um den Schmerz aushalten zu können? Wieviel Reststabilität habe ich im betroffenen Gelenk und wie weit ist die körpereigene Knochenstörung durch den Verschleiß? Das sind entscheidende ganz individuelle Fragen, die zu einer gemeinsamen Entscheidung für den Operationstermin führen. Die Frage der besten Jahreszeit ist dann eher untergeordnet.